USA, Massachusetts 30.5.2024

Martha's Vineyard Reiseführer 2026: Amerikas Sommerkolonie

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Martha’s Vineyard (kurz: „The Vineyard”) ist mehr als eine Insel – sie ist eine amerikanische Institution. Nur 11 Kilometer südlich von Cape Cod, seit Generationen Rückzugsort für Präsidenten (die Obamas, Clintons, Bidens), Künstler und Familien. Im Gegensatz zum benachbarten Nantucket ist Martha’s Vineyard größer, vielfältiger und in seiner Atmosphäre weniger homogen. Es ist eine Insel der sechs Städte, jede mit komplett eigenem Charakter.

Geschichte: Wampanoag, Walfang und Sommerfrischler

Die Wampanoag haben Martha’s Vineyard – ihr Name: Noepe (Land zwischen den Gewässern) – seit über 10.000 Jahren bewohnt. Die Aquinnah Wampanoag (früher Gay Head Band) sind ein bundesweit anerkannter Stamm; das Aquinnah-Gebiet an der Westspitze der Insel ist ihr Reservat. Die Lehmklippen von Aquinnah, die sich orange, rot und weiß in der Sonne färben, sind heiliges Land des Stammes.

Europäer begannen ab den 1640ern mit der Besiedlung. Im 19. Jahrhundert war die Insel ein Zentrum der Walfangindustrie: Edgartown war Heimathafen für Dutzende von Walfängerbooten, und die prächtigen Kapitänshäuser im Greek-Revival-Stil entlang der North Water Street sind direkte Zeugen dieses Reichtums.

Das afroamerikanische Erbe von Martha’s Vineyard ist tief: Oak Bluffs (früher Cottage City) entwickelte sich ab den 1890ern zu einem der wichtigsten Sommerurlaubsorte für die afroamerikanische Mittel- und Oberschicht an der Ostküste der USA. Die sogenannte Inkwell – ein bestimmter Strandabschnitt in Oak Bluffs – ist seit Jahrzehnten Treffpunkt schwarzer Familien; hier haben Generationen von Bürgerrechtlern, Akademikern und Künstlern Urlaub gemacht. Diese Geschichte lebt 2026 fort: Die Insel ist kulturell vielfältiger als das typische Neuengland-Klischee vermuten lässt.

Jaws: Steven Spielbergs Insel

1974/1975 drehte Steven Spielberg seinen ersten Blockbuster Der Weiße Hai fast ausschließlich auf Martha’s Vineyard. Die American Legion Memorial Bridge zwischen Edgartown und Oak Bluffs ist die berühmte „Jaws Bridge”, von der heute Teenager in einem Übergangsritus springen. Das Dorf Menemsha diente als das fiktive Amity Island. Der Film veränderte das Bild der Insel – und der Meeresangst – weltweit.

Gingerbread Cottages: Illumination Night

Die bekannteste Architektur der Insel steht in Oak Bluffs: über 300 winzige viktorianische Holzhäuschen in Bonbon-Farben – Mintgrün, Gelb, Pink, Blau, mit aufwendigen Holzschnitzereien und schmiedeeisernen Verzierungen. Die Martha’s Vineyard Camp Meeting Association (MVCMA) entstand aus einem methodistischen Zeltlager des frühen 19. Jahrhunderts; die Zelte wurden schrittweise durch diese filigranen Häuschen ersetzt.

Einmal im August – das genaue Datum wird meist erst kurz vorher bekanntgegeben – findet die Illumination Night statt: Seit 1869 werden die Häuser nicht mit elektrischem Licht, sondern mit japanischen Papierlaternen erleuchtet. Tausende Besucherinnen strömen in das Areal; das warme Licht gegen die Sommernacht ist eines der romantischsten Erlebnisse in Neuengland.

Aquinnah Cliffs und Chappaquiddick

Aquinnah (Gay Head) an der Westspitze: Die Lehmklippen leuchten bei Sonnenuntergang in Orange, Rot und Weiß. Der Gay Head Lighthouse wurde zuletzt 2015 wegen Küstenerosion zurückversetzt – ein wiederholtes Muster auf den Inseln Neuenglands. Der Stamm der Aquinnah Wampanoag ist hier Grundeigentümer; Klettern an den Klippen ist verboten.

Chappaquiddick – eine kleine Insel, die per kurzer Fähre (die „On Time Ferry”, 2 Minuten) von Edgartown erreichbar ist – bietet unberührte Strände und den Mytoi Japanese Garden: ein japanischer Garten aus den 1940ern mitten in Neuengland-Natur.

Gastronomie: Hummer, Chowder und Donuts

  • Lobster Roll: Hummerfleisch mit wenig Mayo, auf gebuttertem Brioche-Brötchen. Standard und Standard-Abweichung des Neuengland-Sommerlebens.
  • Back Door Donuts (Oak Bluffs): Täglich abends bildet sich eine Schlange an der Hintertür dieser Bäckerei. Ofenwarme Apfelkrapfen – essen mit Powdered Sugar sofort vor dem Laden.
  • Menemsha Sunset: Clappstühle aufstellen, Wein öffnen, Meeresfrüchte von Larsen’s Fish Market holen und den Sonnenuntergang beobachten. Wenn die Sonne im Meer versinkt, applaudieren alle. Kultig.

Praktische Tipps 2026

  • Fähre: Steamship Authority von Woods Hole (45 Min.). Auto-Plätze Monate im Voraus reservieren; Fußgänger flexibel.
  • VTA-Bus: Exzellentes Netz verbindet alle sechs Städte – Tagesticket günstig.
  • ESTA: Für Europäer erforderlich (USA-Einreise).
  • September: Ruhiger, günstiger, Wasser noch warm – der beste Monat.

Martha’s Vineyard ist ein Stück amerikanischer Traum – in Shorts und T-Shirt, mit einem Hummer-Roll in der Hand, wo Millionäre neben Tagesausflüglern Schlange stehen.

Tage in Edgartown und auf dem Wasser

Edgartown ist das klassische Neuengland-Hafenstädtchen: weiße Kapitänshäuser im Greek-Revival-Stil aus der Walfangerzeit, gepflegte Gärten, teure Boutiquen und das Martha’s Vineyard Museum mit ausgezeichneten Ausstellungen zur Walfang- und Inselgeschichte. Das alte Whal ship Abraham Tucker – ein 19-Meter-Brunnenbrunnen aus Walfangtagen – steht im Museumsgarten als stilles Denkmal einer Industrie, die die Welt veränderte.

Segelcharter: Die Insel ist von tidem Wasser und geschützten Sunden umgeben. Halbtags- oder Tagescharter von Edgartown oder Vineyard Haven Harbour bringen einen zu einsamen Sandbänken, Muschelbetten und gelegentlichem Hafenrobbensighting.

Oak Bluffs: Afroamerikanisches Erbe lebt weiter

Oak Bluffs – das lebhafteste der sechs Städte – ist bis heute das Zentrum des afroamerikanischen Sommerlebens an der Ostküste. Das historische Inkwell (Einheimischen-Name für den Ocean Park Beach) hat seit den 1930ern schwarzen Familien Sommerfreude ermöglicht, als viele Strände noch de facto oder de jure segregiert waren. 2026 ist das Erbe lebendig: Buchhandlungen, Galerien und Restaurants mit afroamerikanischen Eigentümern sind über die Insel verteilt. Das alte Circuit Avenue-Nachtleben (berühmt aus der Segregationszeit) ist heute eine offene, internationale Mischung.

Martha’s Vineyard ist ein Stück amerikanischer Geschichte, in dem Millionäre neben Tagesausflüglern Schlange stehen – alle für denselben Hummer Roll.

Nantucket vs. Martha’s Vineyard

Der ewige Vergleich: Nantucket ist kleiner, teurer und homogener – ein Ort von Hochglanz-Uniformität. Martha’s Vineyard ist größer, vielfältiger in Charakter und Bevölkerung, mit sechs verschiedenen Stadtcharakteren und einer Geschichte, die tiefer und weniger poliert ist. Für Erstbesucher ist The Vineyard zugänglicher; für Kenner bietet Nantucket mehr Konsistenz. Beide lohnen sich. Martha’s Vineyard ist das Sommer-Amerika, das es nur noch in wenigen Ecken gibt: geerdet, lebendig und stolz auf seine Geschichte – alle sechs Städte davon. Oak Bluffs, Edgartown, Aquinnah – The Vineyard ist sechs Orte in einem, alle auf einer Insel, die Amerika auf kleinstem Raum widerspiegelt. Martha’s Vineyard bleibt das, was es immer war: ein Ort, an dem der amerikanische Sommer langsamer läuft – und sich dabei an sich selbst erinnert.