Spanien, Balearen 30.5.2024

Mallorca 2026: Mehr als nur Ballermann

StrandWandernRadfahrenLuxusFamilie

Mallorca wird noch immer zu Unrecht auf Ballermann und Pauschalurlaub reduziert – von Menschen, die nie wirklich hinter die erste Küstenlinie geschaut haben. Die Insel ist 3.620 km² groß, mit einem Gebirge, das dramatischer ist als Teile der Schweizer Alpen, versteckten Buchten von karibischer Wasserklarheit, einer der schönsten Kathedralen Europas und einer Gastronomie- und Weinkultur, die Gourmet-Kriterien erfüllt. Im Jahr 2026 ist Mallorca gleichzeitig das beliebteste Sommerziel Deutschlands und einer der führenden Radsportstandorte der Welt – ein Widerspruch, der die Vielsichtigkeit der Insel perfekt illustriert.

La Seu: Gaudís Kathedrale am Meer

Die Kathedrale La Seu in Palma ist eines der eindrucksvollsten Gotteshäuser Europas – und das nicht nur wegen ihrer gotischen Dimensionen (120 Meter lang, 44 Meter hoch im Mittelschiff). Was sie einzigartig macht, ist ihre Lage: Die Kathedrale thront direkt an der Hafenmauer, sodass sie sich im Wasser spiegelt, und sie wurde nach Osten ausgerichtet, um bei aufgehender Sonne am Ostertag durch die Ostrose einen Lichtkreis auf die Westrose zu projizieren – ein astronomisches Phänomen, das jährlich Tausende Besucher anzieht.

Zwischen 1901 und 1914 arbeitete Antoni Gaudí an der Restaurierung des Innenraums: Er versetzte den Hochaltar, installierte eine Baldachinstruktur über dem Altar (seine charakteristischen organischen Formen) und schuf eine Kapelle mit Mosaikdekor. Es ist das einzige Werk Gaudís außerhalb Kataloniens und eines der weniger bekannten. Der Eintritt in die Kathedrale kostet 9 EUR und beinhaltet das Museo Capitular mit mittelalterlichen Kunstwerken.

Serra de Tramuntana: UNESCO-Kulturlandschaft

Die Serra de Tramuntana – das Rückgrat Mallorcas, das die Nordwestküste dominiert – wurde 2011 als UNESCO-Welterbe (Kulturlandschaft) anerkannt. Die Begründung: Über 1.000 Jahre menschliche Adaption an eine extreme Landschaft durch Terrassenwirtschaft, Trockensteinmauern, Windmühlen und Wasserkanäle (canaletes) haben eine einzigartige Kulturlandschaft geschaffen.

Die Gipfel erreichen 1.445 Meter (Puig Major, Militärsperrgebiet). Die Straße von Andratx nach Pollença entlang der Tramuntana-Küste gilt als eine der schönsten Küstenstraßen Europas: Olivenhaine, Zitronenplantagen, rote Felsen, blaues Meer. Die Bergdörfer Deià, Banyalbufar, Fornalutx und Biniaraix sind unter Mallorquinern zu wertvollen Ausflugsziel geworden.

Deià verdient besondere Erwähnung: Hier lebte und schrieb der englische Dichter Robert Graves (1895–1985) den größten Teil seines Lebens – darunter I, Claudius und The White Goddess. Sein Haus ist heute Museum (Can Alluny). Das Dorf ist seit den 1920ern Künstlerkolonie, und sein Gemeinschaftsgefühl – mediterran, intellektuell, unpretentiös – ist bis heute spürbar.

Valldemossa ist berühmt für den Winter 1838/39, den Frédéric Chopin und George Sand hier verbrachten. Chopin komponierte mehrere seiner Préludes in der Kartause; George Sand schrieb den kontroversen Reisebericht Ein Winter auf Mallorca. Die Kartause (Real Cartuja de Valldemossa) ist heute Museum und täglich besucht von Hunderten Touristen – früh morgens (vor 10 Uhr) ist sie noch ruhig genug, um die Atmosphäre zu spüren.

Radfahren: Profi-Mekka und Freizeitparadies

Mallorca ist im Winter das wichtigste Trainingsgebiet des europäischen Profi-Radsports. Teams wie Team Ineos, Jumbo-Visma, UAE Emirates und Astana halten ihre Trainingslager hier ab; die Chancen, eine Pro-Peloton auf der Tramuntana-Küstenstraße zu überholen (oder überholt zu werden), sind von Dezember bis März reell.

Für Freizeitradler: Das Netz aus asphaltierten Radwegen ist exzellent, die Schilder sind zuverlässig, und die Topografie reicht von vollständig flach (Osten und Süden) bis zu ernsthaften Anstiegen (Coll de Sóller: 10 km Aufstieg, 496 Höhenmeter). Das Tren de Sóller (historischer Holzzug von 1912) verbindet Palma mit dem Bergdorf Sóller und fährt durch vier Tunnels und über drei Viadukte durch das Tramuntana-Herz – eine Alternative für den Rückweg nach einem Bergabstieg.

Coves del Drac: Unterirdische Seen und Bach-Konzerte

Im Südosten, nahe Porto Cristo, liegt eine der imposantesten Höhlensysteme Europas: die Coves del Drac (Drachenhöhlen). Nach 2 km Höhlenweg öffnet sich der Raum zum Lago Martel – einem der größten unterirdischen Seen der Welt (177 m lang, 40 m breit). Auf einem kleinen Pontonboot spielen Musiker klassische Konzerte (Vivaldi, Schubert) – die natürliche Akustik der Höhle und das Licht auf dem dunklen Wasser machen daraus ein unwirkliches Erlebnis. Anschließend kann man selbst auf dem See rudern. Die Coves sind eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Balearen; frühe Einlasszeiten (9 Uhr) sind ruhiger.

Wein: Malvasia und Manto Negro

Mallorca produziert zwei besondere Weine:

Malvasia de Banyalbufar: Eine der seltensten Rebsorten Europas, fast ausgestorben, auf einer Handvoll Terrassen in Banyalbufar noch kultiviert. Die Trauben ergeben einen bernsteinfarbenen, oxidativen Weißwein mit Bitternoten und Trockenfruchtkomplexität. Produktion unter 1.000 Flaschen jährlich.

Manto Negro (DO Binissalem): Die wichtigste rote Autochthon-Rebsorte Mallorcas. Voller Körper, Aromen von dunklen Beeren, Lavendel und leicht rustikalen Tanninen. Bodegas wie José Luis Ferrer und Ánima Negra produzieren international anerkannte Weine. Die DO Binissalem liegt im Inselzentrum, zugänglich für Besichtigungen.

Gastronomie: Ensaïmada bis Tumbet

Ensaïmada: Das spiralförmige, mit Schmalz (saïm) verarbeitete Hefegebäck ist das Wahrzeichen Mallorcas mit PGI-Status (geschützte geografische Angabe). Es gibt sie schlicht oder gefüllt (mit Sobrassada, mit Kürbiscreme, mit Mandeln). Am Flughafen ist der Ensaïmada-Kauf im charakteristischen runden Karton rituell. Besonders gut: In der Bäckerei Ca’n Joan de s’Aigo in Palma (seit 1700).

Sobrassada: Die streichfähige, paprikagerötetete Rohwurst Mallorcas – auf Brot, in Omeletts, als Tapas. Im Tramuntana-Gebiet manchmal noch handgemacht nach alten Rezepten.

Tumbet: Das vegetarische Gemüsegericht der Insel: Kartoffeln, Auberginen und Paprika werden separat in Olivenöl gebraten und dann mit Tomatensauce geschichtet. Einfach und perfekt.

Pa amb oli: Bruschetta auf Mallorquinisch – getoastetes pa de pagès (Bauernbrot) mit Olivenöl eingerieben, Tomatenhälften dazu, Salz. Dazu Sobrassada, Käse oder was immer da ist. Billig und köstlich.

Strände: Calas im Südosten

Die schönsten Buchten Mallorcas sind nicht die großen Touristenstrände, sondern die kleinen Calas (Buchten) im Südosten: Cala Mondragó (Naturpark, feiner weißer Sand, klares Wasser, kein Hotelriegel), Cala d’Or (mehrere kleine verbundene Buchten), Cala S’Almunia (nur zu Fuß erreichbar, fast unberührt) und Es Trenc (der längste Naturstrand der Insel, naturbelassen, kein Strandhotel dahinter, mit einem FKK-Abschnitt).

Palma: Kulturstadt und Gourmet-Destination

Palma ist weit mehr als Transitstadt. Die Altstadt (Casco Antiguo) mit dem arabischen Badehaus (Banys Àrabs), den Patios und dem Fundació Pilar i Joan Miró (Joan Mirós Atelier, heute Museum) ist ein Nachmittag wert. Der Mercado de l’Olivar ist der beste Lebensmittelmarkt der Insel: frischer Fisch, Gemüse, lokaler Käse und ein Essensbereich für Mittagessen. Die Gourmet-Szene konzentriert sich im Stadtteil Santa Catalina – mit Bars und Restaurants auf internationalem Niveau, die lokale Produkte verarbeiten.

Beste Reisezeit

  • März–Mai: Radsport, Wandern, Mandelblüte im Februar. Touristisch moderat. Ideal.
  • Juni–September: Strandurlaub, Wasser 26–28°C. Juli/August vollst und teuerst.
  • Oktober: Warm genug zum Schwimmen, Massen weg. Winzer-Saison. Empfehlenswert.
  • November–Februar: Ruhig. Wandergruppen in der Tramuntana. Profi-Radteams im Training. Palma kulturell lebhaft.