Gozo Reiseführer 2026: Die ländliche Zuflucht
Gozo ist das, was Malta früher war. Es ist ländlich, landwirtschaftlich geprägt und langsam. Die Legende besagt, es sei die Insel Ogygia, wo die Nymphe Kalypso Odysseus sieben Jahre gefangen hielt – ein Mythos, der bis heute an der Grotte von Xagħra lebendig ist. 2026 ist es ein Paradies für Taucher, Geschichtsinteressierte und alle, die dem Verkehr und dem Lärm der Hauptinsel entkommen wollen.
Geschichte: Älter als die Pyramiden
Gozos bedeutendster historischer Schatz sind die Ġgantija-Tempel nahe dem Dorf Xagħra. Diese megalithischen Bauten aus Kalkstein wurden zwischen 3600 und 2500 v. Chr. errichtet – sie sind damit älter als Stonehenge und die Pyramiden von Gizeh. Der Name leitet sich vom maltesischen Wort für Riese (ġgant) ab: Die Einheimischen glaubten einst, nur Riesen könnten Blöcke von bis zu 50 Tonnen bewegen. Die Ġgantija-Tempel wurden 1980 als UNESCO-Weltkulturerbe eingetragen und gelten als die ältesten freistehenden Steinbauwerke der Menschheit.
Die jüngere Geschichte Gozos ist geprägt von Überfällen und Belagerungen. Im Jahr 1551 überfielen osmanische Korsaren unter dem Admiralsbefehligsführer Turgut Reis (Dragut) die Insel und verschleppten fast die gesamte Bevölkerung – schätzungsweise 5.000 Menschen – in die Sklaverei nach Nordafrika. Die Zitadelle von Victoria war als Zuflucht gedacht, doch viele Gozitaner erreichten sie nicht rechtzeitig. Erst im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Insel langsam wieder besiedelt.
Dwejra Bay: Das Blue Hole
Das berühmte Azure Window – ein gewaltiger Kalksteinbogen – stürzte im März 2017 während eines Wintersturms ins Meer. Paradoxerweise hat sich dadurch die Unterwasserlandschaft bereichert: Die Trümmerstücke bieten neuen Lebensraum, und das Blue Hole ist attraktiver denn je. Dieser vertikale Schacht in der Kalksteinküste führt durch eine enge Passage in eine weite Unterwasserhöhle, die sich zum offenen Meer öffnet. Die Sichtweite beträgt oft 20–30 Meter; Oktopusse, Barracudas und fliegende Knurrhähne bevölkern die Felsen.
Der Inland Sea (Qawra) ist eine Lagune, die durch einen kurzen natürlichen Tunnel mit dem offenen Wasser verbunden ist. Kleine Holzboote fahren täglich durch diesen Tunnel – eine surreale Erfahrung, wenn man in der Dunkelheit einfährt und auf der anderen Seite von türkisem Wasser begrüßt wird.
Für Freizeittaucher empfiehlt sich eine der vielen Tauchschulen in Marsalforn. Die Sichtweite ist ganzjährig hervorragend, die Wassertemperatur beträgt im Sommer 27°C und im Winter 15°C.
Die Zitadelle von Victoria
Im Herzen der Insel liegt Victoria (maltesisch: Rabat), dominiert von der mächtigen Zitadelle auf einem Hügel. Nach dem Überfall von 1551 wurden die Mauern erhöht und verstärkt, um eine neue Tragödie zu verhindern. Heute kann man auf den Zinnen spazieren und einen 360-Grad-Blick über Gozos sanft gewellte Felder, terrassierte Hänge und Dörfer genießen – der Eintritt zur Mauerbesichtigung ist kostenlos.
Innerhalb der Mauern befinden sich eine normannische Kathedrale (errichtet nach dem Erdbeben von 1693), enge Gassen mit handwerklichen Werkstätten sowie Museen für Archäologie, Folklore und Naturgeschichte. Die umfangreiche Restaurierung der vergangenen Jahre hat die Zitadelle zu einem der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städtchen im gesamten Mittelmeerraum gemacht.
Ramla Bay und die Grotte der Kalypso
Gozos schönster Strand ist Ramla Bay mit seinem unverkennbaren orangerot gefärbten Sand – eine Farbe, die von Eisenoxid-Verbindungen im lokalen Sandstein stammt. Am Hang über dem Strand befindet sich eine Höhle, die traditionell als die Grotte der Kalypso gilt: Hier soll die Nymphe aus Homers Odyssee den Helden Odysseus sieben Jahre lang versteckt gehalten haben, bevor die Götter seine Heimkehr nach Ithaka erlaubten. Der Blick von der Höhle hinunter auf die orangefarbene Halbmondbucht ist eines der schönsten Panoramas der Insel.
Gastronomie: Ftira, Ġbejniet und lokale Weine
Gozos Küche ist die Küche der Bauern und Fischer, geprägt von Einfachheit und frischen Zutaten:
- Ġbejniet: Kleine Käselaibe aus Schaf- oder Ziegenmilch. Frisch (tal-irkotta) sind sie weich und mild; getrocknet und in schwarzem Pfeffer gewälzt (tal-bzar) werden sie hart und intensiv.
- Ftira Għawdxija: Gozitanische Variante der Pizza – kein dünner Teig, sondern ein dickerer Ring-Brotteig, belegt mit Kartoffelscheiben, Sardellen, Kapern, Oliven, Tomaten und frischen Kräutern.
- Stuffat tal-Fenek: Kanincheneintopf, das Nationalgericht Maltas und Gozos. In Rotwein und Kräutern geschmort, oft mit Makkaroni oder Brot serviert.
- Ċisk-Bier und lokaler Wein: Der Weinkeller Ta’ Mena Estate in Sannat produziert preisgekrönte Weine aus einheimischen Rebsorten, darunter trockene Weißweine aus Girgentina-Trauben.
Das Restaurant Ta’ Rikardu in der Zitadelle ist seit Jahrzehnten eine Institution: handgefertigter Käse, hausgemachter Wein und ein Tisch mit Blick über die Mauern.
Festivals & Lokales Leben
- Nadur Carnival: Gozos dunkler, satirischer Karneval im Februar ist ein Phänomen. Keine offiziellen Wagen, keine Tickets – einfach spontane Kostüme, politische Satire und Menschenmengen in den Gassen von Nadur.
- Festas: Jedes der sieben Dörfer Gozos feiert im Sommer das Fest seines Schutzpatrons mit Blaskapellen, riesigen Feuerwerken und illuminierten Heiligenstatuen. Die Festa von Xewkija zu Ehren Johannes des Täufers gilt als die prächtigste der Insel.
- Luzzu-Bootsrennen: Traditionelle maltesische Fischerboote (bunt bemalt, mit aufgemalten Augen am Bug) treten in Marsalforn zu Regatten an.
Nachhaltig Reisen auf Gozo
Gozo investiert gezielt in sanften Tourismus. Das GozoCycle-Netzwerk bietet E-Bike-Verleih, damit man die Insel ohne Auto erkunden kann. Mehrere Farmhouses nutzen Solarpanele und Regenwassersammelanlagen. Beim Einkauf auf dem Wochenmarkt in Victoria – mit lokalem Gemüse, Käse, Honig und Oliven – unterstützt man direkt die Landwirtschaft der Insel.
Praktische Reisetipps für 2026
- Anreise: Fähre von Cirkewwa (Malta) nach Mġarr (Gozo), 25 Minuten, fährt täglich etwa alle 45 Minuten. Alternativ Schnellfähre ab Valletta (45 Min).
- Unterkunft: Das klassische Gozo-Erlebnis ist ein restauriertes Farmhouse aus Kalkstein mit Innenhof und Pool, ab 150 €/Nacht für die ganze Villa.
- Auto: Fast unverzichtbar. Busverbindungen zwischen den Dörfern sind unregelmäßig. Leihwagen ab 30 €/Tag.
- Sprache: Maltesisch und Englisch. Man kommt überall mit Englisch problemlos zurecht.
Beste Reisezeit
- April – Juni: Grün, warm (22–26°C), wenig Touristen. Ideal zum Wandern und Tauchen.
- Juli – August: Heiß (30–35°C), etwas belebter. Hochsaison der Festas.
- September – Oktober: Warmes Meer (25°C), weniger Besucher und goldene Herbstbeleuchtung, die den Kalkstein besonders leuchten lässt.
- Winter: Still und fast menschenleer. Einige Restaurants schließen, aber Tempel und Zitadelle gehören einem ganz allein.
Das Fazit für 2026
Gozo ist eine Pausentaste inmitten des Mittelmeers. Es bietet Weltklasse-Tauchen, die ältesten Steinbauwerke der Menschheit und eine Küche, die man sich wünscht, öfter zu essen. Wer Malta kennt und Gozo noch nicht kennt, hat Malta nur halb gesehen.